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Die Sucht zu finden

Sinn und Unsinn des Suchens

von Thomas Witzel

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"Suchen Sie etwas Bestimmtes?" Wie oft haben wir diese Frage schon gehört. Gerade in den Warenhäusern, in denen die gepflegte Unordnung Methode hat, verlässt uns schon das eine oder andere Mal die Orientierung. Das ist auch kein Zufall, schließlich soll der Kunde mehr finden, als er sucht. Macht das Ganze sogar noch Spaß, kann daraus sehr leicht ein Kaufrausch werden - nur eine Frage des Geldes?

Wir sind alle auf der Suche, ob gelegentlich, immer wieder oder permanent. Nach kleinen Dingen des Alltags halten wir ebenso Ausschau wie nach den großen Themen, wie Anerkennung, Sicherheit, Liebe usw. Je weniger wir finden, was wir suchen, desto mehr sehnen wir uns danach. Diese Sehnsucht treibt uns schließlich zu Ersatzhandlungen, die jedoch nur kurzzeitig Befriedigung schaffen. Somit muss ständig die Dosis erhöht werden - eine Sucht entsteht.

Hinter einer Sucht befindet sich immer ein Mensch, der sucht. Doch das (Sucht-)Mittel der Wahl kehrt die Sache um: der Suchende glaubt, gefunden zu haben und stellt die Suche ein. Deshalb ist es auch verständlich, warum der Süchtige keinen Ausweg sieht - er hat sein Ziel ja bereits erreicht...
Ein Teufelskreis, der keiner ist. Das Suchtmittel ist Hoffnungsträger und -zerstörer zugleich. Kein Wunder also, wenn der Süchtige vollauf damit beschäftigt ist, mit seiner Hassliebe zurechtzukommen. Für die Besinnung auf die eigentlichen Bedürfnisse bleibt da keine Zeit mehr.

Betrachten wir die Such(t)problematik an einem Beispiel, das nicht nur für eine Minderheit von Interesse sein dürfte: das Rauchen.

Rauchen ist mehr als gesellschaftlich akzeptiertes Daumenlutschen. Der Raucher ringt nach Luft. Doch wie einer, der sich am Schlüsselloch die Nase plattdrückt, anstatt die Tür zu öffnen, versucht er, das Gewünschte durch eine kleine Öffnung zu saugen: Wärme, Entfaltung, Sinn-liches. Leider zündet er sich selbst den rettenden Strohhalm an, denn seine Rauchzeichen signalisieren der Umwelt womöglich genau das Falsche: "Kein Bedürfnis mehr an Freiheit und Abenteuer; bin bereits befriedigt!" Angekettet an etwas, das ständig in Rauch aufgeht, wird bald das Lustvolle zum Gewöhnlichen. Aufgeben, wer möchte das schon?! Zumal Alternativen gefragt wären...

Sollten Nichtraucher nun ihre saubere Lunge zu einer stolzen Pose gefüllt haben, rate ich, lieber Dampf abzulassen. Denn es gibt viele Möglichkeiten, den Mitmenschen meine Nöte und Bedürfnisse durch symbolisches Ausagieren mitzuteilen. Wir alle machen davon Gebrauch.

So besteht beim Hals-Nasen-Augenzeugen des Geschehens, dem Passiv-Raucher, sicher eine ganz ähnliche Problematik wie beim Raucher, der ihm in diesem Fall das Ausagieren abnimmt. Schlimmer noch: Durch die Opferrolle verringert sich die Wahrscheinlichkeit einer Selbsterkenntnis des vermeintlich Unschuldigen. Zumal der "böse" Raucher auch als Projektionsfläche für manch andere Eigenheit herhalten darf.

Natürlich ist das Rauchen nur eine der vielen Spielarten, die Suche in Sucht ausarten zu lassen. Gerade die Süchte, die weder gesundheitsschädlich sind, noch als unmoralisch gelten oder dick machen, sind genauso dazu geeignet, das zu kompensieren, was uns eigentlich am Herzen liegt. 

Es handelt sich hierbei um allgemein tolerierte Süchte, denn die Betroffenen sind durchaus gesellschaftsfähig:

Die Sucht, zu helfen; 
die Sucht, erfolgreich zu sein;
die Sucht, alles zu kommentieren;
die Sucht nach Abwechslung, Zerstreuung, Reizüberflutung 
(um nur einige zu nennen).

Wie erkenne ich aber, ob bei mir selbst Suchtgefahr besteht?
Selbsteinschätzung ist gerade in diesen Fällen nicht ganz leicht, da unsere Psyche diverse sich selbst bestätigende Mechanismen verwendet, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Doch genau diese Kontrolle gilt es zu hinterfragen.

So ist es durchaus möglich, hilfreich zu sein, ohne seine eigenen Bedürfnisse opfern zu müssen;
Erfolg ist eine schöne Sache, sofern die Abhängigkeit vom damit verbundenen Image-Gewinn nicht zur Selbstaufgabe zwingt;
Reden ist Silber. Ist das, was ich sage, aber auch wahr, nützlich und liebevoll?
Je mehr ich habe, desto mehr möchte ich. Doch je weniger ich benötige, desto unabhängiger kann ich sein. 


Die Zeit steht nicht still. Immer mehr Menschen erkennen die Einseitigkeit ihrer Gewohnheiten und Denkprozesse. Sie bemühen sich, umzudenken, andere Wege zu gehen, sich neu zu orientieren. Sie machen sich auf die Sinn-Suche. Da dieser Zustand aber meist mit Unsicherheit, Unklarheit und Unterlegenheit einhergeht, tut Sinnfindung not. Gurus und andere sog. "charismatische Persönlichkeiten" wissen das und liefern nicht nur die Antworten auf alle Fragen. Durch die Aufnahme in einen Kreis scheinbar Gleichgesinnter wird in kurzer Zeit aus dem Schüler ein Lehrer, aus Unterlegenheit Überlegenheit, aus Ohnmacht Macht. Wie Halbverdurstete, die an der erstbesten Quelle trinken, ohne zu prüfen, ob sie nicht vergiftet ist, stürzen sich somit viele in die Sinnfindung, bevor sie richtig mit der Suche begonnen haben.

Andere wiederum finden einen solchen Gefallen an der Suche, dass sie nicht mehr aufhören können. Die Sinn-Suche wird zur Sinn-Sucht, und die eigentliche Sehn-Sucht findet kein Ende.

Doch "suchen" kann auch einhergehen mit aussuchen und untersuchen. Und "finden" muss nicht gleich vorfinden und sich damit abfinden bedeuten.
Viel wichtiger ist es, mein eigenes Empfinden zu schulen, vor allem im Hinblick auf meine Freiheit. Denn die kann ich wirklich finden, hier und jetzt - in mir selbst.

 

 

 

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