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Sprachbewusstsein

Wie Denken und Sprechen sich gegenseitig beeinflussen

von Thomas Witzel

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Finden Sie immer die richtigen Worte?
Oder reden Sie einfach, wie Ihnen der "Schnabel gewachsen ist"?
Ist also Sprache lediglich auf die "mündliche Beteiligung" beschränkt oder spiegeln sich in unseren Äußerungen nicht vielmehr Gedanken, Gefühle, unser ganzes Bewusstsein? 

Die vielfältigen Wirkungen von Sprache erleben wir tagtäglich: Politiker betreiben Schönfärberei und Projektion, die Werbung "informiert selektiv", Partner manipulieren sich mit Liebesbezeugungen ebenso wie mit verletzenden Worten. Oft scheint es, als würde der Mensch das Sprechen einzig und allein in den Dienst der Selbstbehauptung stellen - im Sinne von "Ich rede, also bin ich".

Kein Wunder, wenn das allgemeine Mitteilungsbedürfnis wächst, während die Aufnahmefähigkeit sinkt. Schließlich wird das Mit-Teilen zum Selbstzweck und Zuhören ist nur noch bedingt erforderlich. Logische Konsequenz: die Sprache wird aggressiver, manipulativer und selbstgefälliger...

Doch wie auch immer sich allgemeine Tendenzen abzeichnen mögen, jeder Einzelne sollte sich selbst fragen, ob er zufrieden ist mit der Art und Weise, wie er kommuniziert.

Kommunikation ist etwas Lebendiges. Wir können sie jederzeit verändern, bereichern und völlig neu gestalten. Regeln sind vor allem etwas für Phantasielose. Natürlich ist die Kreativität in Sachen Kommunikation abhängig davon, wie bewusst wir mit unserer Sprache umgehen. Wortschatz, Wortwahl, Grammatik, Betonung bis hin zu Stimme und Gestik sind sprachliche Bestandteile, die wir irgendwann einmal erlernt und erworben haben. Es fragt sich nur, zu welchem Zeitpunkt. So stammt vieles aus der Kindheit oder Schulzeit, manches ist negativ besetzt, anderes hat sich als unumstößlich eingebrannt. Aber was davon ist für mein momentanes Denken und Fühlen wirklich zu gebrauchen? Entsprechen meine Äußerungen auch meinem jetzigen (inneren) Bewusstsein?

Bewusstsein und Sprache sind nicht Ursache und Wirkung, sondern weisen eine Wechselbeziehung auf: das eine beeinflusst das andere - und umgekehrt.

So wie der Genuss von Tabak unbewusst an "die erste Zigarette" und damit z.B. an eine Situation des Erwachsen-sein-Wollens erinnert, können bestimmte "veraltete" Redewendungen einen Bewusstseinszustand assoziieren, der u.U. alles andere als erwünscht ist. Gerade bei sehr lang andauernden Beziehungen, wie sie beispielsweise innerhalb der Familie vorkommen, halten sich oft Umgangsformen und Redewendungen derart hartnäckig, dass es oft äußerst schwer ist, "wie Erwachsene" miteinander zu kommunizieren.
Allein der jahrzehntelange Gebrauch von Spitznamen kann zur Qual (letztendlich aller Beteiligten) werden. Dabei sind Schuldzuweisungen fehl am Platz. Jeder kann getrost bei sich selbst beginnen und überprüfen, wie weit die (eigentliche) Haltung mit dem, was er äußert, übereinstimmt.

Aber es geht noch weiter: Durch den bewussteren Umgang mit unserer Sprache können wir auch an unseren Einstellungen arbeiten. Zum Beispiel lassen sich Übertreibungen und Superlative gegen realistischere Begriffe ersetzen. Ebenso kann eine allzu pessimistische Sichtweise durch eine neutralere Wortwahl positiv beeinflusst werden. Manipulative Redewendungen, wie rhetorische Fragen oder Bedingungssätze, sind ebenso überprüfenswert wie Ausreden und Beteuerungen. 

Das bedeutet wiederum, die Bereitschaft zu entwickeln, sich mit den Problemen des Lebens auseinander zu setzen, die Konfrontation mit den Bedürfnissen, Wünschen und Forderungen der anderen nicht zu scheuen und einen fairen und sachlichen Umgang miteinander anzustreben. Dazu gehört natürlich Selbstbewusstsein - genau das, woran wir arbeiten, wenn wir unsere Sprache reinigen.


Sehen wir uns einige Beispiele an...


Die Zeitkomponente:

Nehmen wir an, Sie werden vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe gestellt. Sie antworten Ihrem Gegenüber mit: "Ich kann das nicht!" und legen sich quasi auf ihre eigene Unfähigkeit fest. Fügen Sie aber ein kleines Wort ein - "Ich kann das noch nicht" - signalisieren Sie sich und Ihrem Gegenüber die Möglichkeit zur Veränderung.

Vergleichen Sie auch die folgenden Aussagen:
"Ich möchte mich ändern." (Wunsch)
"Ich werde mich ändern." (Absicht)
"Ich ändere mich." (Aktive Handlung)

Wenn Sie wirklich etwas verändern möchten, lässt sich das eigentlich nur in der Gegenwart tun. Sowohl der Wunsch wie auch die Absicht projizieren die Aktivität in die Zukunft - außer Reichweite...


Das man-Syndrom: 

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie häufig wir das Wort "man" benutzen? Nicht nur, dass ihm Frauenfeindlichkeit nachgesagt wird..., es wird vor allem dazu verwendet, die persönliche Erfahrung als allgemein gültiges Wissen zu überhöhen. Ersetzen Sie, wo immer es geht, "man" durch "ich" und sie werden Ihrer eigenen Subjektivität ein ganzes Stück näherkommen. Außerdem hilft es, sich gegenüber der Kollektivneurose ("Wie man es eben so macht") abzugrenzen. Für "Neu-Denkende" im Grunde ein Muss.


Die Füllwort-Manie: 

Füllwörter sind an sich nichts Schlechtes. Doch, finde ich, kann man also wirklich einfach eben alles mehr oder weniger im Grunde eigentlich durchaus übertreiben, oder nicht? Eben!
Leider haben die meisten Füllwörter oder Anhängsel wie "..., oder?" den Effekt, das Gesagte zu relativieren - ein Akt der Selbstverunsicherung. Ob ein Wort überflüssig ist, lässt sich am besten an der Zahl der Wiederholungen erkennen. Fragen Sie doch mal einen guten Freund nach Ihrem "Lieblingswort" - da können sich Abgründe auftun... 


Die fremden Wörter: 

Ideal sind Fremdwörter, wenn sie mit einem Begriff einen komplexen Sachverhalt auf den Punkt bringen. 

Fatal sind Fremdwörter, wenn sie das eigene Bildungsdefizit aufmöbeln sollen. 

Katastrophal sind Fremdwörter, wenn sie einen Sachverhalt verschleiern oder Zugehörigkeit zu einer Gruppe signalisieren sollen. 

Jedenfalls lassen sich die fremden Wörter häufiger ersetzen, als es vielleicht den Anschein hat.


Verborgene Weisheit: 

Auch wenn wir glauben, wirklich miteinander zu kommunizieren oder sogar nur für andere zu reden - wir sprechen hauptsächlich zu uns selbst. Gerade in den Situationen, wo es ein echtes Anliegen für uns ist, sich zu äußern, sollten wir uns selbst sehr genau zuhören. Manche Worte haben dabei regelrechten Symbolcharakter. Lassen Sie sie förmlich auf der Zunge zergehen und er-fassen Sie die Sinn-Bilder Ihres inneren Wissens.


Wie immer wir unsere Sprache gestalten: uns sollte bewusst sein, wie stark die Verbindung zwischen den Worten und unserer Haltung ist. Je klarer unsere Sprache wird, desto besser können wir diesen Spiegel nutzen. Nicht zuletzt, um mehr Verständnis zu entwickeln - für uns selbst, und für einander.

 

 

 

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