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Schuldgefühle

Gewissensbisse und andere Glücksbegrenzungen

von Thomas Witzel

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Mögen Sie Schuldgefühle? Dieses bohrende schlechte Gewissen, das einem signalisiert, irgend etwas falsch gemacht, versäumt oder angestellt zu haben, hat die unterschiedlichsten Auswirkungen: Es lässt uns bereitwillig Dinge tun, die wir eigentlich vermeiden wollten; es verhindert, unsere Haltung zu hinterfragen; es hilft, sich den gesellschaftlichen Normen anzupassen; es befähigt, sich schlecht zu fühlen, obwohl es einem gut geht. 

Doch ein Schuldgefühl ist weit mehr als nur ein "Gewissensbisschen". Wir tun anderen wie auch uns mehr damit an, als wir ahnen. Denn ist dieser "Schlechtmacher" erst einmal in unserem Denken als Reaktionsmechanismus verankert, wird er sich kaum irgendwann einmal von selbst verabschieden, sondern mehr und mehr zu unserem ständigen Begleiter entwickeln. Alles nur eine Sache der Gewöhnung.

Untersuchen wir einmal, weshalb die meisten von uns so versiert darin sind, sowohl Schuldgefühle zu produzieren als auch bei anderen auszulösen. Gerade Letzteres ist nämlich ein beliebtes Mittel in der Kindererziehung. Durch Sätze wie "Das mag Mami aber gar nicht..." wird das Kind schon früh daran gewöhnt, dass eigene Handlungen stets dem Wohle anderer dienen. Da die Bedingungen ("wenn..., dann...") meist mit subjektiven Gefühlen verbunden sind, ist das System von richtig und falsch praktisch undurchschaubar. (Oder ist es logisch, wenn das Kind ausgeschimpft wird, weil die Hose von einem Sturz schmutzig geworden ist, es dagegen Trost und Zuwendung erhält, sobald die Hose zerfetzt und blutig ist?) Also produziert das Kind vorsorgehalber Schuldgefühle, quasi "auf Halde", bis es schließlich nur noch mit gesenktem Blick vor die Eltern tritt: Reue kommt immer gut.

Doch was wäre ein Kind ohne seine Lernfähigkeit. So erkennt es bald, dass sich das Spielchen auch anders herum spielen lässt: "Ihr mögt mich ja gar nicht, sonst würdet ihr mir sicher mehr Taschengeld geben!" Gelernt ist gelernt.

Wen wundert es also noch, wenn wir als Erwachsene das Spiel der gegenseitigen Beeinflussung perfekt beherrschen. Doch wie viele andere "Spielregeln" des menschlichen Zusammenseins, so sorgt auch das Wechselbad der Schuldgefühle für eine Problemverschleierung und verhindert gleichzeitig eine aufrichtigere Kommunikation. Wer den Mut nicht aufbringt, zu dem zu stehen, was er denkt und fühlt, versteckt sich einfach hinter Manipulationen. Leider übersehen die meisten dabei, dass sie mit ihrem Verhalten den anderen die Erlaubnis erteilen, dasselbe zu tun.

Und was bewirken Schuldgefühle bei uns selbst?

Schuldgefühle reduzieren das Selbstwertgefühl auf ein Maß, bei dem ich sicher sein kann, dass andere durch Angriffe auf meine Selbstachtung nur geringen Schaden anrichten können. Bevor ich also bestraft werden kann, bestrafe ich mich lieber selbst - so lassen sich vielleicht Schmerzen vermeiden... 

Was aber, wenn gar keine "anderen" mich angreifen oder bestrafen wollen? Verfüge ich über soviel Selbstwertgefühl, dass ich verschwenderisch damit umgehen kann? Muss ich derartig viel Angst vor Kritik haben, dass sich diese Form der "Vorsorge" lohnt?

Das scheinbar "Lohnenswerte" an Schuldgefühlen ist, dass sie willkommener Ersatz sind für vieles, was uns unbequem erscheint. In Wirklichkeit aber hat diese Geisteshaltung einen entscheidenden Einfluss auf unsere Persönlichkeitsentwicklung. So hindern wir uns selbst, Verständnis zu entwickeln, aktiv zu werden und Konsequenzen zu ziehen. Selbst wenn ein konkretes Ereignis (eine "Missetat") vorliegt, können wir weder aus unseren Fehlern lernen noch zu einer echten Wiedergutmachung beitragen. Zumindest solange wir mit diesen Schuldgefühlen unsere Energie verschwenden, und zwar für etwas, das sich sowieso nicht mehr rückgängig machen lässt.

Ganz im Gegenteil: Durch den aktiven Prozess der Selbsterkenntnis kann selbst die sinnloseste Tat im Nachhinein einen Sinn erhalten. Dazu bedarf es aber, den Blick vom Vergangenen zu lösen und sich den (oft ähnlich gelagerten) gegenwärtigen Aufgaben zu stellen. Dadurch lässt sich auch wieder die eigene Freiheit erkennen, die der Preis ist, den wir für unser "gehegtes Unwohlsein" zahlen.

Es gibt aber noch weitere Aspekte. Oft dienen uns Schuldgefühle als eine Art "abergläubischer Ausgleich". Kommen wir einmal in den Genuss vollkommenen Glücks, haben wir das reine Vergnügen oder strotzen wir vor Gesundheit und Lebensfreude (was ja selten genug vorkommt), meldet sich etwas in uns, das man vielleicht als "Glücksbegrenzungskontrolle" umschreiben könnte. Dieses schlechte Gewissen möchte uns glauben machen, dass wir soviel Glück nicht verdient haben und andere unbedingt daran beteiligt werden müssten. Die erhöhte Spendenbereitschaft in der Weihnachtszeit ist noch eine der sozialeren Folgen dieser Form der Schuldgefühle. Beginne ich aber einen Streit mit meinem Partner oder füge ich mir selbst Schaden zu, stellt sich wirklich die Frage, ob ich soviel Glück verdient hatte...

Warum haben wir eigentlich diese Schwierigkeiten mit unserer persönlichen Moral? Hängt es damit zusammen, dass wir nahezu andauernd Denken und Fühlen voneinander trennen? Da Moral beides miteinander vermengt, haben wir Schwierigkeiten, mit derart komplexen Prozessen, wie dem Abwägen zwischen richtig und falsch leidenschaftslos genug umzugehen. Wir werden kopflos und fordern vom Verstand, unser Handeln zu rechtfertigen. 

Dabei könnte es viel leichter sein, würden wir uns erlauben, alles zu tun, ohne es begründen zu müssen. (Wir können ja nicht einmal erklären, warum wir überhaupt existieren. Erblasst dagegen nicht jeder weitere Deutungsversuch menschlicher Handlungen, die ja allesamt auf dieser Frage aufbauen?)

Die (un-)moralische Komponente der Schuldgefühle ist, dass sie eine Gegenleistung darstellen dafür, sich unschuldig fühlen zu dürfen. Das zeigt sich z.B. beim Essen: erst wenn wir ein schlechtes Gewissen haben, können wir beruhigt "sündigen". Ein geschicktes Ablenkungsmanöver, um sich nicht z.B. mit dem Aspekt der Gesundheit auseinanderzusetzen; ein Thema, das offensichtlich ein großes Anliegen für uns ist - müsste es sonst überhaupt verdrängt werden?

So fühlen wir uns also lieber schuldig, als dass wir uns zu unserem Leben - wie immer es aussehen mag - bekennen. Denn würden wir akzeptieren, dass wir sowieso an allem "schuld" sind, was wir zulassen, könnten wir aktiv etwas daran ändern. Durch bedingungsloses Annehmen der Vergangenheit bliebe kein Spielraum mehr für Schuldgefühle. Wir könnten uns selbst vergeben und brauchten nicht weiter sowohl den Schuldigen wie auch den Unschuldigen zu mimen...

Soviel Freiheit sollten wir uns selbst wert sein. 

 

 

 

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