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Erwünschte Probleme

Problembewältigung

von Thomas Witzel

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Haben Sie Probleme? Wenn ja, dann freuen Sie sich: Das ist das Beste, das Ihnen passieren konnte! 

Täglich leiden Milliarden von Menschen unter ihren Sorgen und Nöten. Eine Welt ohne Probleme - wäre das wirklich der Himmel auf Erden? Welche Tätigkeiten könnte der Mensch dann noch ausüben, da es ja nichts mehr zu tun gäbe. Selbst Genuss wäre nicht mehr möglich, da die Probleme "Bedürfnis" oder "Wunsch" erst gar nicht auftreten würden. Jegliche Überwindung von Raum und Zeit wären überflüssig. Schließlich müsste sich die ganze Schöpfung auflösen, da sie gleichsam Ursache und Bewältigung unzähliger Probleme ist.

Es scheint also, dass es unterschiedliche Arten von Problemen gibt: willkommene (wie z.B. das Problem, die Gabel in den Mund zu bekommen) und weniger willkommene (das eigene Gewicht zu halten).

Beschäftigen wir uns einmal mit den unangenehmen Seiten des Lebens. Schwierigkeiten und Hindernisse sind für uns deshalb so wenig attraktiv, weil wir glauben, sie zerstören unser Glück. Doch dieses Glück ist nichts anderes als ein Puzzle mit einer Vielzahl von Teilen. Wenn nur ein Teil fehlt, ist unser Glück schon in Frage gestellt. Und sobald wir eine Lücke schließen, fallen an einer anderen Stelle wieder einige Puzzle-Teile heraus. Also sind wir permanent darum bemüht, uns mit den fehlenden Komponenten unseres Glücks zu beschäftigen.

Eine Möglichkeit, sich dieser Sisyphusarbeit zu entledigen, ist z.B. Entsagung und Enthaltsamkeit. Durch die Reduzierung der Anzahl meiner (Puzzle-)Teile wird auch die Unglücksanfälligkeit verringert. Benötige ich schließlich nichts mehr zu meinem Glück, bin ich logischerweise auch frei von Problemen.

Eine andere (und für viele praktikablere) Form im Umgang mit dem Glück ist die Ausrichtung auf die vorhandenen "Teile". Dankbarkeit als Gegenmittel zur Unzufriedenheit.

Ein dritter Lösungsansatz ist die völlige Akzeptanz des ständig existierenden Provisoriums unseres Lebens, in dem vollständiges Glück genausowenig existiert wie vollständiges Unglück und in dem alles einem "andauernden" Wandel unterworfen ist, der nur ein Ziel hat: Wachstum. Denn genau diese Urkraft des Lebens beschert uns unsere Probleme, die nichts anderes sind als die Motivation, kreativ zu sein. Sind wir schließlich in der Lage, unsere Schwierigkeiten zu überwinden, erfahren wir in der Kreativität der Problembewältigung das eigentliche Glück. Dies ist dann auch kein statischer Zustand der Komplettierung, sondern "Erfüllung" jenseits von Mangel und Überfluss. Das Puzzle selbst wird unwichtig, seine Teile werden als austauschbar erkannt.

Durch die Erfahrung unserer eigenen Kreativität ist es auch möglich, nachzuvollziehen, warum jedes Problem die Lösung in sich trägt. Mehr noch: das Erkennen eines Problems ist bereits der erste kreative Akt. Unsere Ängste (z.B. vor Veränderung), Bequemlichkeit und mangelndes Selbstvertrauen sollten gerade eine Herausforderung sein, die weiteren Schritte zu unternehmen.

In dem gleichen Maße mit dem uns bewusst wird, dass kein Problem unlösbar ist, sind wir jedoch aufgefordert, mehr Unterscheidungsvermögen im Umgang mit Problemen zu entwickeln. Zum einen gilt es, die eigenen von denen der anderen zu trennen. 
Mögen die Schwierigkeiten unserer Mitmenschen auch noch so einfach erscheinen, lösen können wir nur unsere eigenen. Natürlich ist es möglich, dem anderen etwas von seiner scheinbaren Last abzunehmen (oder besser: vorzuenthalten?!), doch geteiltes Leid ist doppeltes Leid, denn durch meinen Akt der Schicksalsvermeidung löse ich beim anderen nur eine "Symptomverschiebung" aus. Im Gegenteil: womöglich bewahre ich durch meine "Heldentat" meinen "Schützling" vor einer wichtigen Erkenntnis und brocke ihm damit eine Suppe ein, für die sein Löffel allein nicht mehr ausreicht. Auf diese Weise sind schon viele Abhängigkeitsverhältnisse entstanden. Ob das anfängliche Problem damit gelöst ist, bleibt fraglich. Wirkliche Hilfe kann nur die Unterstützung eines Wachstumsprozesses des anderen sein - und diesen eindeutig zu erkennen ist keine einfache Angelegenheit.

Anstatt also vielleicht insgeheim auf ein Tauschgeschäft zu spekulieren (ich löse dein Problem, wer löst meines?), sollten wir lieber vor unserer eigenen Tür kehren: diese kennen wir schließlich am besten. Denn möglicherweise dient unser Verhalten den anderen wiederum als Motivation für deren Bewältigung. Somit ist die Unterscheidung zwischen eigenen und fremden Problemen Voraussetzung für eine ökonomische Nutzung unserer Kreativität.

Ein weiterer Aspekt in Sachen Unterscheidung: Künstliche Probleme. Damit meine ich selbstgeschaffene Hindernisse, die das eigentliche Problem verdrängen sollen. Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ich aufgrund zu starker Belastung mir mehr Zeit für Entscheidungen oder zur Veränderung nehme. Doch sollte dieses Vorgehen bewusst geschehen, ohne mich oder gar andere in Mitleidenschaft zu ziehen. Versuche ich aber, mich selbst auszutricksen, indem ich eine anstehende Thematik ignoriere oder verdränge, kann das Konsequenzen haben, die in keinem Verhältnis zur kurzfristigen Entlastung stehen. Viele Unfälle und Fahrlässigkeiten haben sich schon zu lebenslangen Eigendynamiken entwickelt, nur weil vom eigentlichen Problem abgelenkt werden sollte.

Gerade hierbei, aber auch im sonstigen Umgang mit Problemen sollten wir eine gewisse Ernsthaftigkeit entwickeln. Nicht im Sinne von Humorlosigkeit (ganz im Gegenteil!), sondern im Sinne von Verantwortungsbewusstsein. Denn wenn wir die Konsequenzen unseres Handelns selbst (er)tragen können, steht uns ein Leben voller Kreativität zur Verfügung - mit vielen spannenden Problemen. 

 

 

 

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