www.neues-denken.de

 

Liebe

Gefühle, Partnerschaft, Liebes-Fähigkeit

von Thomas Witzel

[offline lesen]

 

Das Wort "Liebe" ist wohl einer der abstraktesten Begriffe unserer Sprache. Und doch hat jeder von uns eine mehr oder weniger genaue Vorstellung, von dem, was Liebe ist. Betrachten wir die inflationäre Verwendung des Wortes in Musik, Werbung oder bestimmten "Esoterik"-Kreisen, entsteht der Eindruck, es handle sich um ein Zauberwort, eine Art Beschwörungsformel. Konkret wird es dabei selten, eher gefühlvoll - das Wort Liebe quasi als Weichmacher.

Liebe lässt sich auch hervorragend zur Manipulation verwenden. Wer möchte schließlich nicht geliebt werden? Ein fünfjähriges Kind, dem gesagt wird: "Sei lieb!" wird jedoch kaum wissen, was es tun soll - eher, was es zu lassen hat. Dass diese Form der indirekten Beeinflussung auch noch dann funktioniert, wenn das Kind "groß und stark" geworden ist, liegt auf der Hand. Liebe und Macht sind also nicht sehr weit voneinander entfernt...


Ist Liebe ein Gefühl?

Zunächst sollten wir uns vergegenwärtigen, dass ein Gefühl vieles sein kann: ein Sinneseindruck, Intuition, eine körperliche wie auch eine seelische Reaktion. Manche Menschen "denken" sich sogar ihre Gefühle, da diese verstandesmäßigen Simulationen sich wesentlich besser kontrollieren lassen. So können sie jederzeit eine erschöpfende Auskunft über ihren scheinbaren Gefühlszustand geben - mit einer erschreckend sachlichen Emotionslosigkeit.

Andere hingegen schließen am liebsten die Augen, wenn es um Gefühle geht. Wie in einem großen Eintopf schwimmen alle möglichen Empfindungen umher, so dass jede "Kostprobe" zum Glücksspiel wird - leider mit zweifelhaften Gewinnchancen.

Wird nun die reine Anwesenheit von Gefühlen schon als Liebe interpretiert, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Erweist sich nämlich (auch wenn es nur wenigen wirklich bewusst wird), dass die anfängliche Euphorie lediglich auf der Projektion der eigenen Wünsche und Bedürfnisse auf den Partner beruhte, heißt es oft: "...Und dir habe ich vertraut!" Doch mit Vertrauen hat das wenig zu tun, gebe ich hier doch lediglich die Zuständigkeit für die Erfüllung meiner Sehnsüchte an den anderen ab. Echtes Vertrauen schließt die Verantwortung für das Tun des anderen mit ein. Dazu bedarf es eines nicht geringen Unterscheidungsvermögens. Denn es gilt, die Fähigkeiten des Partners richtig einzuschätzen, damit ich ihn weder unter- noch überfordere - dazu benötige ich Zeit und: Selbst-Vertrauen. 
Kein Wunder also, dass eine allzu schnell eingegangene Bindung zur Fessel werden kann, auf der Suche nach "meines Glückes Schmied".

Doch ist durchaus auch manches Gold, was glänzt. Schließlich suchen wir uns nicht einfach irgendeinen Partner, sondern einen, der uns anzieht. Und das beruht auf Gegenseitigkeit. Die Antworten auf die Frage, die meist nur einem Nebenbuhler gestellt wird - "Was hast Du, was ich nicht habe?" -, können daher eine wichtige Grundlage in einer Beziehung darstellen. Denn hierin liegen Chance und Falle in einem: 
Falle insofern, dass ich den anderen zur Kompensation meiner eigenen Mängel benutze und mich so in eine angenehme Abhängigkeit begebe. 
Chance insofern, dass der andere Vorbild und Hilfe ist, um meine ähnlich gelagerten Potenziale zu entdecken und bestimmte Fähigkeiten daraus zu entwickeln. 
Chancen und Fallen zu erkennen und sich gegenseitig beim inneren Wachstumsprozess zu unterstützen ist der eigentliche Sinn einer Lebensgemeinschaft.


"Was aber hat das noch mit Liebe zu tun? Liebe bedeutet doch: Rausch der Sinne, Freudentaumel, sich fallen lassen, abheben, gemeinsam eins werden..."

Sinnlichkeit und Genuss sind natürliche Antriebsfedern des menschlichen Daseins. Wir können wählen, ob wir vornehmlich an Befriedigung interessiert sind oder das Sinnliche als Tor zum "Über-Sinnlichen" begreifen.

Die Fragen, die wir ständig mit uns herumtragen - Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer bin ich? - beeinflussen unser ganzes Leben. Das Leid, das wir erfahren, resultiert aus der Diskrepanz zwischen Bewusstheit und Unbewusstheit. Ebenso das Glück, das deshalb genauso wie das Leid vergänglich ist. Beides ist ein Ausdruck von Raum und Zeit - Dimensionen, in denen wir scheinbar gefangen sind. Doch Raum und Zeit ergeben nur die Form für unsere Existenz, so wie ein Fenster der Rahmen für ein sich ständig veränderndes Bild ist. Beschäftigen wir uns nur mit dem Rahmen - also mit den Lebens-"Bedingungen" - versäumen wir das, worum es eigentlich geht...

So strebt der Mensch vielleicht grundsätzlich nach Höherem, verliert sich jedoch nur allzu häufig im Kampf um Macht und Überlegenheit.

Auch die Liebe ist nicht davor gefeit. Ob konkreter Ehekrieg oder abstrakter Geschlechterkampf: wer Macht sucht, wird Ohnmacht finden. Denn die Gier nach Stärke lässt einen schwach werden, um selbstgerecht den anderen ins Unrecht zu setzen. Hinterher will keiner der Beteiligten schuld sein, wenn das Glück dann unter einem Scherbenhaufen begraben ist. Selbst ein Sieg wird zweifelhaft, wenn die Verluste hoch sind. Verwundet zieht man sich zurück - doch gelernt wurde daraus wenig: bald schon werden sich die Krieger zum nächsten Kampf (ent)rüsten.


Gibt es echte Liebe überhaupt?

Wir sind alle nur Menschen - voller Hoffnungen, Bedürfnisse, Unzulänglichkeiten. Jeder versucht im Grunde, aus seiner individuellen Realität soviel Leben wie möglich zu schöpfen, um immer mehr Teil des Ganzen zu werden. Dabei partizipieren wir an der unendlichen Energie des Universums. Diese Energie zu erfahren und weiterzugeben ist die Basis für wahre Liebe. Sie ist weder an Personen noch an eine Situation gebunden - sie ist bedingungslos.

Persönliche Liebe hingegen ist die Begegnung mit uns selbst im Spiegel des anderen. Je mehr wir uns selbst lieben, desto eher können wir auch die unangenehmen Seiten des anderen ertragen. Gerade diese sind die größte Herausforderung für unsere Liebes-Fähigkeit. Gelingt es uns, dem Partner mit Respekt und Dankbarkeit zu begegnen, können wir uns gegenseitig den Freiraum geben, den wir für unsere ganz persönliche Entfaltung benötigen. 

 

 

 

[ Startseite ] [ Inhalt ] [ Ihre Meinung ] [ Kontakt ]