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Freude am Leben

Lebensfreude, Glück und Dankbarkeit

von Thomas Witzel

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Lebensfreude - ein Begriff mit vielen Deutungsmöglichkeiten. Für den einen schöpferischer Ausdruck der eigenen Existenz, für den anderen die Illusion unverbesserlicher Optimisten. Wie auch immer: Lebensfreude bedeutet Motivation, Auftrieb, Energie. Doch die Fähigkeit, Freude zu empfinden, ist sehr unterschiedlich und hängt von vielerlei Faktoren ab. So hat ein Sonnenstrahl im November sicher eine ganz andere Wirkung als im Juli nach einer dreiwöchigen Hitzewelle. Unsere Empfindungen hängen also mehr mit der subjektiven Wahrnehmung als mit den äußeren Bedingungen zusammen. Die Dinge erscheinen uns nur als angenehm oder unangenehm, sie sind es aber in Wirklichkeit nicht.

So sucht jeder sein Heil woanders, oft angetrieben durch Wunschvorstellungen, deren Erfüllung fern jeglicher Realität ist. Voller Vorfreude erscheint alles wunderbar, hell und aufbauend. Doch das Bedürfnis, die Lücken der Seele zu schließen, führt meist zum Gegenteil: nach anfänglicher Erleichterung entsteht recht bald das Gefühl des Mangels, womöglich stärker als vorher. Statt der angestrebten Lebensfreude stellt sich jetzt Verärgerung, Frustration und Depressivität ein. Nun erscheint alles schlecht, dunkel und bedrohlich.

Warum ver(sch)wenden wir bloß unsere Kreativität dafür, zu werten, zu verallgemeinern und alles, was nicht in unser Konzept passt, auszuklammern? Das Ergebnis dieser einseitigen Kampagne kann nur etwas Extremes sein, wohl kaum ein ausbalancierter Zustand. Doch die Eindeutigkeit des Extremen scheint auf uns Menschen eine enorme Anziehungskraft auszuüben. Womöglich ist uns Sicherheit wichtiger als Wahrheit, obwohl beide unerreichbar sind. Sicher ist nur, dass ein Extrem das andere bedingt. So wird der Pessimist in seinem Umfeld verstärkt mit Optimisten konfrontiert (und umgekehrt); auf jedes Hoch folgt ein Tief; jeder Verlust ist gleichzeitig auch ein Gewinn usw.

Wir schwingen wie ein Pendel hin und her, gefangen in einer dualistischen Welt, ohne zu erkennen, dass die Grenzlinie zwischen schwarz und weiß, richtig und falsch, Vergangenheit und Zukunft der wahre Ort ist, zu dem zurückzukehren sich wirklich lohnt. Dieser Zustand, der von einer optimistischen Betrachtungsweise ebenso weit entfernt ist wie von einer pessimistischen, birgt jene Lebensfreude in sich, die unabhängig von Bedingungen, Voraussetzungen und Notwendigkeiten existiert. Er kann (ähnlich dem Schlaf) nicht erwirkt, nur zugelassen werden. Die Fähigkeit des Zulassens jedoch lässt sich durchaus erarbeiten. Voraussetzung aber ist, sich zu öffnen für eine Welt voller Gegensätze, mögen diese noch so unlogisch, ungerecht oder unangenehm erscheinen.

Werden Sie sich der Besonderheit des Augenblicks bewusst. 

Wie unaufmerksam hetzen wir doch durch die Zeit und verpassen dabei die schönsten Momente. Viel zu spät erinnern wir uns dann an die "guten Zeiten", die wir aber nie als solche wahrgenommen haben. Wird uns wirklich einmal gewahr, wie vergänglich die Gegenwart ist, verändert sich auch unsere Haltung. Leider sind oft erst Schicksalsschläge notwendig, um eine Rückbesinnung auf selbstverständlich gewordene Freuden einzuleiten.

Doch Dankbarkeit lässt sich durchaus auch "freiwillig" entwickeln...

...durch detailliertere Betrachtungsweise: Gehen Sie einmal auf Spurensuche. Untersuchen Sie Ihre Umwelt einmal ganz genau, beschäftigen Sie sich näher mit Ihren Mitmenschen, gewinnen Sie faszinierende Einblicke in den Mikrokosmos des Augenblicks. Setzen Sie dabei all Ihre Sinne ein und nehmen Sie das wahr, was ist - anstatt zu suchen, was nicht ist. Je offener wir sind, desto eher können wir eintauchen in eine Welt, die für sich ebenso existiert wie als Teil unseres eigenen Universums.

...durch globalere Betrachtungsweise: Fragen Sie sich: "Wie sehen die größeren Zusammenhänge aus?" Dadurch lässt sich der Blickwinkel erweitern, der Überblick vergrößern. Allzu Wichtiges verliert seine Dramatik, Persönliches wird relativiert. Schließlich können wir die Sicht bis auf den gesamten Kosmos ausdehnen, wobei sich unser Planet Erde als winziges Staubkorn erweist.

...durch Auseinandersetzung mit der Zeit: Bringen Sie Ihre momentanen Empfindungen, Einstellungen, Verhaftungen in einen größeren zeitlichen Zusammenhang, indem Sie sich auf eine gedankliche Zeitreise begeben. Fragen Sie sich: "Wie wird meine Meinung über die gegenwärtige Lage sein... ...in einem Monat? ...in einem Jahr? ...in zehn Jahren?" Oder: "Wie wäre meine Reaktion ausgefallen, hätte mir jemand vor einem Monat/Jahr/Jahrzehnt das gegenwärtig Erlebte vorausgesagt?" Auf diese Weise lassen sich sogar Lösungsansätze für nahezu ausweglose Situationen erarbeiten. Stellen Sie sich einfach vor, das Problem wäre bereits gelöst oder Sie hätten bestimmte Fähigkeiten entwickelt, die Ihnen derzeit noch fehlen: welchen Rat würden Sie sich selbst erteilen?


So verborgen es auch scheinen mag, die Gegenwart bietet genügend Möglichkeiten, sich am Leben zu erfreuen. Je mehr wir die Relativität der Dinge verstehen, desto besser können wir auch die Realität - unsere Realität - begreifen. Das Staunen über die Zusammenhänge lässt uns demütiger werden - voller Freude am Leben zu sein.

 

 

 

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