www.neues-denken.de

 

Im-Fluss-Sein

Die Leichtigkeit des Seins

von Thomas Witzel

[offline lesen]

 

Kennen Sie das Gefühl, wenn einfach alles klappt? "Wie am Schnürchen" und völlig mühelos folgt eines dem anderen. Man sieht sich selbst beim Tun zu und denkt sich: "So müsste es immer sein!" Doch kurze Zeit später wird man eines Besseren belehrt: Hindernisse, Fehlversuche, Komplikationen - der Normalzustand ist wieder eingekehrt...

Wie entstehen diese Momente voller Leichtigkeit, in denen alles im Fluss ist und das Leben einfach Spaß macht? Ist es etwa möglich, diesen Zustand bewusst herbeizuführen?

Betrachten wir einmal den menschlichen Körper: es gibt unzählige Vorgänge, die unser Wohlergehen beeinflussen, derer wir uns, während sie ablaufen, überhaupt nicht bewusst sind. Manche davon lassen sich steuern (z.B. die Atmung), andere hingegen nicht (z.B. die Herztätigkeit). Doch gibt es genug Möglichkeiten, mehr oder weniger indirekt Einfluss zu nehmen: durch Ernährung, Bewegung, Schlaf, Alkohol, Medikamente usw.

So wie sich unser Lebensstil auf die Körperfunktionen auswirkt, so wirkt er sich auch auf unser geistiges Leben aus. Dabei spielt gerade unsere Einstellung eine wichtige Rolle. Sie ist entscheidend daran beteiligt, ob wir ein Leben voller "Ungereimtheiten" oder als ein großes Ganzes führen.

Leben Sie im Hier und Jetzt!

Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Jedoch ist das Konzentrieren der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Zeitpunkt die Basis für ein resonantes ("mitschwingendes") Verhalten. Wie häufig tun wir das eine, denken aber an etwas anderes, ob es nun in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegt. Gelingt es uns aber, unsere Gedanken auf die momentane Situation auszurichten, erfahren wir eine Leichtigkeit des Seins, die uns die Zeit vergessen lässt.

Vor allem bei Kindern ist diese Gegenwartsbezogenheit oft deutlich erkennbar. Sie äußert sich mit Ausdauer, Spaß und Lernfähigkeit, von denen sich Erwachsene mehr als eine Scheibe abschneiden könnten. Doch warum soll Hans nicht von Hänschen lernen können? Oder glauben Sie auch an das Märchen vom "Ernst des Lebens"? Es soll Menschen geben, die sich das Leben zur Hölle machen, indem sie sich ständig um die Zukunft sorgen. Ist diese Zukunft dann erreicht, trauern sie der Vergangenheit hinterher, die sie nicht genießen konnten - und versäumen dadurch erneut die Gegenwart. Ist das also der "Ernst des Lebens"?

Lassen Sie uns einen kleinen Ausflug in die Gehirnforschung machen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der Mensch zwei Gehirnhälften mit unterschiedlichen Funktionsbereichen besitzt. Die linke Gehirnhälfte ist für das abstrakte Denken zuständig, d.h. Lesen/Schreiben und andere logisch-rationale Denkvorgänge, während die rechte Gehirnhälfte das konkrete Denken verwaltet. Ihr haben wir zu verdanken, dass wir ein Bild wiedererkennen, Erfahrungen machen und spontane Einfälle haben. Leider ist es mit den Gehirnhälften fast so wie mit Atmung und Herztätigkeit. Die eine lässt sich steuern, die andere nur bedingt. So verbringen wir die meiste Zeit des Denkens damit, mit unserer linken Hirnhälfte alles (rational) unter Kontrolle bringen zu wollen, während die rechte Hemisphäre, mit ihrer Fähigkeit, Kreativität, Spaß und Spontaneität zu schaffen, ein Schattendasein führt.

Nutzen Sie stärker Ihre rechte Gehirnhälfte!

Wie lässt sich dies bewerkstelligen? Zunächst gilt es, den inneren Dialog zu beruhigen. Sie kennen doch auch diese Quasselstrippe im Kopf: ständig wird alles kommentiert, hin- und herbedacht, kritisiert, bezweifelt, befürchtet, beklagt etc. Die meisten sind sich dieser Selbstgespräche überhaupt nicht bewusst. Doch Abschalten ist gar nicht so einfach, denn wir sind es ja nicht anders gewohnt. Trotzdem lohnt es sich, daran zu arbeiten.

Üben Sie das Nicht-Denken, z.B. durch ruhiges, absichtsloses Betrachten eines alltäglichen Gegenstandes. Sobald Ihre Gedanken abschweifen, lassen Sie diese wie Seifenblasen zerplatzen und widmen sich wieder dem Gegenstand.

Eine andere Übung könnte so aussehen: Sie stellen Ihre Ohren auf "Durchzug", d.h. alle Eindrücke (z.B. Geräusche), die Sie wahrnehmen, gehen durch Sie hindurch, als ob Sie Luft wären. Das gleiche geschieht mit Ihren Gedanken, die scheinbar irgendwoher kommen und wieder im Nichts verschwinden. Durch diesen inneren Beobachter, der teilnahmslos und ohne zu bewerten (!) das Geschehen verfolgt, kann die rechte Hemisphäre wesentlich komplexere Eindrücke wahrnehmen und verarbeiten. Das Ergebnis: Entscheidungen und Beurteilungen mit schlafwandlerischer Geistesgegenwart ohne mühevolles Hin und Her bzw. endloses Kopfzerbrechen.

Doch lässt sich dieser Zustand nur im Hier und Jetzt erreichen - wobei wir wieder bei der Gegenwart wären. (Übrigens: die einzige nachweisbare Zeitdimension, die existiert!)

Eine weitere Voraussetzung - vielleicht die wichtigste -, um im Fluss zu sein, ist Vertrauen. Womöglich die größte Hürde von allen, denn allzu groß ist die Angst: die Angst vor Fehlern, die Angst vor Ablehnung, die Angst vor Verlust der Kontrolle, die Angst vor der Angst.

Wie aber entsteht Angst? Durch die Vorstellung einer Gefahr eines zukünftigen Ereignisses. Wer aber vermag vorauszusagen, ob die zukünftige Situation auch wirklich eine Gefahr darstellt, und dazu noch eine, der man hilflos ausgeliefert ist? Gerade dadurch, dass ich mir mit meiner Vorstellungskraft ein Ziel (nämlich das, wovor ich Angst habe) imaginiere, sorge ich dafür (ähnlich dem Schützen, der Pfeil und Bogen ausrichtet), dass die Angst bestätigt werden kann. Ein Teufelskreis, der nur durch Vertrauen durchbrochen werden kann - ob Vertrauen in eine höhere Ordnung oder schlicht Vertrauen in sich selbst. Entscheidend ist es, den Mut aufzubringen, die Ängste wirklich überwinden zu wollen. Denn Ängste können auch eine Art Sicherheit bedeuten. Eine zweifelhafte zwar, aber eine, die mir niemand wegnehmen kann...

Fassen wir noch einmal zusammen: Um im Fluss zu sein, d.h. mit Leichtigkeit den Aufgaben des Alltags zu begegnen, sollten wir uns also ganz auf den gegenwärtigen Augenblick konzentrieren und, ohne zu bewerten, vertrauensvoll den nächsten Schritt wagen. Dabei dürfen wir getrost unserer inneren Stimme folgen, die uns spontan das Angemessene tun lässt.

Sollte sich zufällig dabei ein Gefühl der Freiheit und inneren Stärke einstellen, könnte es durchaus sein, dass Sie gerade einen Zustand erleben, den die Taoisten "wu wei" nennen. Doch darüber brauchen Sie sich dann keine Gedanken mehr zu machen. 

 

 

 

[ Startseite ] [ Inhalt ] [ Ihre Meinung ] [ Kontakt ]