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Pseudo-Esoterik

Nicht jeder Schein ist heilig

von Thomas Witzel

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"Kennen wir uns nicht schon von früheren Leben? Sie sind doch auch eine alte Seele! Wenn Sie sich nicht mehr daran erinnern sollten, dann ist das mit Sicherheit karmisch bedingt. Das macht aber nichts, schließlich ist alles gut so wie es ist. Und wenn nicht, dann soll es eben so sein. Was mich betrifft: ich stelle mich sowieso nur zur Verfügung..." 

Ist das esoterisch? Zumindest klingt es so. Doch wie können wir feststellen, wann eine Aussage esoterisch ist und wann nicht? Gibt es überhaupt festgelegte Kriterien, oder ist im Endeffekt alles nur subjektiv?

Das Wort "Esoterik" hat für jeden eine andere Bedeutung. Der eine assoziiert damit Mystisch-Geheimnisvolles, ein anderer das bunte Angebot von Waren und Dienstleistungen rund um den Psycho-Boom. Manche benutzen den Begriff als Schimpfwort, wieder andere hingegen verstehen darunter Selbsterfahrung, Selbstfindung und Sinnfindung. Es hängt also ganz von den Erfahrungen des Einzelnen ab, wie dieses Wort Verwendung findet. Doch gerade die Subjektivität ist es, die die "wahre" Esoterik auszeichnet, nämlich die ganz persönliche Betrachtungsweise des eigenen Universums. Somit sind Dinge wie Allgemeingültigkeitsanspruch, Vereinheitlichung oder hierarchische Strukturen weit entfernt von einer esoterischen Denkweise.

Gehen wir noch ein Stück weiter: Akzeptiere ich meine individuelle Sichtweise, akzeptiere ich gleichzeitig auch die Sichtweise der anderen, was die Eigenverantwortung eines jeden nach sich zieht. Letzteres aber ist offensichtlich der unangenehmere "Nebeneffekt" in der Beschäftigung mit der Esoterik. Da unsere Gesellschaft geradezu darauf aufbaut, die Verantwortung des Einzelnen durch ein Geflecht von Abhängigkeiten und Bequemlichkeiten zu untergraben, ist kaum jemand vorbereitet, die alleinige Verantwortung für sich zu übernehmen. Das wirkt sich natürlich auch auf dem Gebiet der Esoterik aus. Ganz im Gegenteil: die Gelegenheiten, Verantwortung abzugeben sind womöglich sogar zahlreicher als in "nicht-esoterischen" Bereichen.

Ist also alles schlecht, was esoterisch ist? Mitnichten! Aber es ist auch nicht alles schlecht, was nicht esoterisch ist...!

Vielleicht hängt es mit dem doch recht hohen Anspruch zahlreicher Esoteriker zusammen, warum so viele in meist selbstgestellte Fallen tappen, von denen ich hier einige erwähnen möchte:


Aberglaube: 

Die Mystifizierung unsichtbarer Kräfte hat einen doppelten Effekt: Zum einen bewirkt sie eine scheinbare Aufwertung der eigenen Person gegenüber "weniger sensiblen" Menschen. Zum anderen verhindert sie, dass ein selbst-verständlicherer Umgang mit diesen Kräften entwickelt werden kann.


Scheinheiligkeit: 

Alles ist gut, alles ist spirituell - vor allem: ich! Das Leistungs- und Erfolgsdenken ist eine der gefährlichsten Fallen auf dem esoterischen Weg. Durch Gruppendruck und den eigenen Wunsch nach Wachstum kann sich eine gefährliche Mischung aus Selbsttäuschung und Selbstüberforderung entwickeln, die sich sowohl auf die Psyche wie auch auf den Geldbeutel auswirken kann.


Fatalismus: 

Es ist sicher eine erstrebenswerte Fähigkeit, alles annehmen zu können, was sich dem direkten Einfluss entzieht. Verliere ich aber die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, Veränderungen vorzunehmen oder einfach Dinge zu tun, die mir Spaß machen, hat das vielleicht mehr mit Unfähigkeit als mit Fähigkeit zu tun.


Guruismus: 

Schließe ich mich einem Fremdkonzept bedingungslos an, bringt das höchstwahrscheinlich Annehmlichkeiten, sowohl für mich als auch für meinen Meister. Mit Selbstfindung hat das natürlich wenig zu tun, geht es doch zumeist um "höhere" Werte (Geld, Macht etc.).


Wochenend-Esoterik: 

Wer leidet nicht auch unter entfremdeter Arbeit, Stress, Problemen?! Ob aber die Befriedigung des "kleinen Sinn-Hungers zwischendurch" wirklich etwas bewirkt, hängt ganz davon ab, wieweit sich mein gesamtes Leben dadurch verändert. Andernfalls mildert die esoterische Freizeitbeschäftigung nur den Leidensdruck, der u.U. nötig wäre, echte Veränderungen vorzunehmen.


Scharlatanerie: 

Missbrauch und Inkompetenz sind kein esoterisches, sondern ein menschliches Phänomen. Ich wage zu bezweifeln, dass es unter Astrologen und Geistheilern mehr Scharlatane gibt als unter Ärzten und Psychiatern. Kein Titel, keine Ausbildung und kein guter Ruf sind eine Garantie dafür, dass ich an jemanden gerate, der mich besser behandelt als ich mich selbst.


Es ist also gar nicht notwendig, ein Gütesiegel für "kontrolliert esologischen Anbau" zu fordern. Im Gegenteil: Dadurch, dass ich selbst herausfinden muss, was gut und angemessen für mich ist, lerne ich, Urteilsvermögen und Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln. Etwas, das durchaus auch außerhalb esoterischer Kreise möglich ist.

Ebenso geht es kaum darum, übermenschliche Fähigkeiten zu erlangen, sondern "einfach" der zu werden, der man ist. Dazu gehört Mut zur Ehrlichkeit. Je aufrichtiger ich mir selbst gegenüber bin, desto eher kann ich auch meine Stärken und Schwächen für den Wachstumsprozess nutzen, in dem wir alle uns befinden. Da dieser Prozess nie endet, gibt es auch kein Ziel, sondern nur einen Schritt nach dem anderen. 

Lassen wir uns dabei genug Zeit, damit Gelassenheit, Humor und Lebensfreude nicht zu kurz kommen - ob mit oder ohne Esoterik. 

 

 

 

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