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Was ziehe ich heute an?

Unbewusste Anziehungsmechanismen

von Thomas Witzel

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Anziehungskräfte spielen in der Natur eine bedeutende Rolle. Fragen Sie einen Physiker: ob im Mikrokosmos atomarer Teilchen oder im Makrokosmos von Sonnensystemen, überall herrscht das Wechselspiel von Kräften, die sich durch Annäherung und Abstoßung bemerkbar machen. Doch was im materiellen Bereich selbstverständlich ist, ist in den unsichtbaren Strukturen unseres (zwischen-)menschlichen Daseins schon weit weniger offen-sicht-lich. Zwar kommentieren wir schon einmal eine ungleiche Beziehung mit Redewendungen wie "Gegensätze ziehen sich an", aber so richtig ernst nehmen wir das Gesagte dann doch nicht. Dabei hätten wir allen Grund dazu, den Anziehungskräften, die in unserem Leben wirken, mehr Beachtung zu schenken. Denn es ist alles andere als willkürlich, welche Menschen oder Ereignisse in unser Leben treten.

Allein unsere Aufmerksamkeit grenzt die Zahl der "Zufälle" drastisch ein. Hemmungslos blenden wir unbewusst alles aus, was uns gerade nicht "in den Kram passt". So betrachten wir die Welt mit Scheuklappen - mal kleiner, mal größer - und wundern uns, wenn wir mit etwas Unbekanntem konfrontiert werden. "Das habe ich ja noch nie gehört!" heißt es dann. Eine einfache Methode, die Scheuklappen wieder zurechtzurücken. "Das gibt es ja gar nicht!" ist noch eine Steigerung. Wird schließlich zum Gegenangriff geblasen - "Das glaubst du ja wohl selbst nicht!" -, ist die Schlacht bereits verloren: Dazulernen ist auf diese Weise kaum mehr möglich.

Ebenso wie wir alles Unerwünschte auszublenden versuchen, öffnen wir uns wiederum für ganz bestimmte Dinge. So sind wir erstaunt, wie häufig einem (z.B. in der Zeitung oder im Fernsehen) das Urlaubsziel, die Krankheit, das Hobby oder sonst ein Interessengebiet, das uns gerade beschäftigt, begegnet. Die werdende Mutter sieht überall nur noch Babies, der Heimwerker erkennt nach und nach, wie baufällig seine Wohnung ist, und dem Zoowärter fällt auf, wie viele Zebrastreifen es auf seinem Weg zur Arbeit gibt.

Die Auswahl, die wir ständig treffen, ist aber nur eine Form, wie wir (mehr oder weniger bewusst) unsere Umwelt beeinflussen. Eine wesentlich schwerwiegendere Kraft hingegen ist die unbewusste Anziehung, die ständig von uns ausgeht. Denn dagegen hilft die beste "Scheuklappen-Technik" nichts. Erbarmungslos (wie wir das Schicksal häufig sehen) werden wir immer wieder an unsere wunden Punkte erinnert, seien es Beziehungsprobleme, Ängste oder Schwächen. Doch all dies hat seinen Grund. Tief in unserem Innern werden nämlich die eigentlichen Entscheidungen getroffen; und diese sind nicht die schlechtesten. Denn die Probleme, die wir uns täglich bescheren, sind genau das, was wir zur Zeit auch bewältigen können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Und gerade letzteres bereitet uns so viele Schwierigkeiten. Wir glauben, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, nur weil wir auf eine Weise gefordert werden, die unserem Bewusstsein entspricht. Ob das gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht, sinnvoll oder sinnlos ist, sollten wir uns jedoch nicht zu beurteilen anmaßen. (Einige Zeit später sieht sowieso wieder alles ganz anders aus...) Statt sich mit mühsam konstruierten Bewertungen zu beschäftigen, ist es wesentlich effektiver, das Problem selbst anzugehen. Je früher wir reagieren, desto leichter fällt es uns, umzudenken und unser Leben (wieder) aktiv zu gestalten.

Doch was heißt "aktiv"? Sicher nicht: an den Symptomen herumzumanipulieren und  zu versuchen, alles "unter Kontrolle" zu bringen. Allzu schnell tappen wir dann in unsere selbstgemachte Falle und merken nicht, dass bereits der nächste Schritt ansteht.

Das ist aber noch nicht alles. Außer unserer Bequemlichkeit und dem ständigen Sicherheitsbedürfnis stehen uns noch eine Menge gesellschaftlicher Normen und Maßstäbe im Weg. In diesem Zusammenhang möchte ich vor allem das Täter/Opfer-Denken erwähnen.

Wir haben uns inzwischen so sehr daran gewöhnt, in Gut und Böse einzuteilen, dass es das Weltbild der meisten von uns gänzlich in Frage stellt, wenn jemand an dieser doch recht willkürlichen Einteilung Zweifel hegt. Verständlich, denn wer möchte schon darauf verzichten, durch ein schnelles (Ab-)urteilen alles wieder "in den Griff" zu bekommen. Außerdem würde - bei konsequenter Betrachtung - unser ganzes Rechtssystem ins Schwanken geraten, für viele ein Ding der Unmöglichkeit.

Dabei kann das Wissen um die eigentlichen Zusammenhänge von wesentlich größerem Nutzen sein, denn Leid und Ohnmacht würden nicht ständig aufs Neue wiederholt. Der Bestohlene könnte sich seiner aktiven Rolle bewusst werden und daran arbeiten, den Freiraum, den er sich nehmen lässt, besser zu nutzen. Der (scheinbar) schuldlos in einen Unfall Verwickelte könnte seinen Glauben an das Mittel der Gewalt überprüfen. Die sexuell belästigte Frau könnte ihre Abgrenzungsfähigkeit entwickeln. Und all diejenigen, die sich ständig für andere aufopfern, könnten sich mit ihren eigenen Bedürfnissen beschäftigen, auf dass sie weniger ausgenutzt würden.

Natürlich gilt dasselbe auch für die "Aktiveren" unter uns. Lehrer, die sich über die Dummheit ihrer Schüler beklagen, könnten sich mit ihren eigenen Fähigkeiten, dazuzulernen, beschäftigen. Richter und Anwälte, die sich besonders berufen fühlen, das Unrecht in der Welt zu bekämpfen, könnten sich mit ihren eigenen Lebensrechten auseinandersetzen. Gurus könnten sich Gedanken darüber machen, ob sie nicht lieber Macht über sich selbst als über andere haben möchten. Und Buchautoren könnten sich ihre Ermahnungen einmal selbst zu Herzen nehmen.

Niemand von uns ist völlig unschuldig an dem, was ihm geschieht. Aber jeder von uns kann die vielen verborgenen Botschaften nutzen, die uns unsere Umwelt vermittelt. Denn was auch immer passiert, es geschieht zu unserem Wohl. Das Schlimmste, was uns widerfahren kann, ist: eine Erfahrung reicher zu werden. Somit gibt es noch eine Menge Interessantes zu erleben, wenn wir uns täglich fragen: "Was ziehe ich heute an?"

 

 

 

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