www.neues-denken.de

 

Unsichtbare Berührungen

Abgrenzung und Selbstwahrnehmung

von Thomas Witzel

[offline lesen]

 

Grenzen begegnen uns auf Schritt und Tritt, ob natürlichen Ursprungs oder vom Menschen gemacht. So gibt es geographische, zeitliche sowie Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit. Doch neben all den sichtbaren Markierungen existieren auch unsichtbare Berührungszonen, die im Zusammenleben oder bei der Begegnung von Menschen entstehen. So ist im Grunde jede Form von Kommunikation eine Ansammlung von Grenzverletzungen, ob gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst. Die Grenzen dieses zwischen-menschlichen Bereichs sollen hier näher untersucht werden.

Es ist schon erstaunlich, wie sehr unsere Sprache von Redewendungen und Begriffen geprägt ist, welche die gegenseitige Berührung von Menschen beschreiben, ohne dass wir auf den Gedanken kämen, diese auch zu praktizieren. Wir sprechen von "Tuchfühlung aufnehmen", "auf den Leib rücken" und "aufeinandertreffen". Doch allzu leicht kann uns jemand "zu nahe treten", und dafür muss er nicht einmal "den Atem mit uns teilen". Wir nehmen also sehr genau wahr, wann unsere persönliche Grenze verletzt wird und wann nicht.

Nun hat jede Grenze zwei Seiten: die innere und die von außen wahrgenommene. Begegnen sich nun zwei Menschen, haben wir es also mit insgesamt vier Sichtweisen zu tun.
Unabhängig davon stehen noch drei Möglichkeiten der "Kontaktaufnahme" zur Auswahl: Die Grenzen berühren sich nicht (die Personen bleiben auf Distanz, ein echtes Miteinander ist nur erschwert möglich), die Grenzen überlappen sich (beide werden jeweils durch den Freiraum des anderen bedrängt) oder die Grenzen berühren sich (ein gegenseitiger Austausch ist möglich, ohne die Eigenständigkeit des einzelnen zu beeinträchtigen).

Nun wird vielleicht deutlich, wieso der Idealfall einer ausgewogenen menschlichen Beziehung eher die Seltenheit darstellt. Die Beteiligten müssten sowohl die eigene Persönlichkeit wie die des Gegenübers erkennen können und darüber hinaus in der Lage sein, die Wirkung auf den anderen mit einzubeziehen...

Lassen wir also die Theorie (des Idealfalls) beiseite und sehen uns die alltägliche Praxis der Grenzverletzung anhand von zwei Beispielen an: dem Taschendieb und dem Nachbarschaftsstreit.
Ein Taschendieb versteht es, durch Ablenkung und Fingerspitzengefühl die Grenze des anderen unbemerkt zu überschreiten, um sich selbst Wert zuzuführen, den er auf andere Weise zu erschaffen nicht bereit oder fähig ist. In der Regel fühlt sich das Opfer hinterher in seinem Freiraum beschnitten, in seinem Selbstwert verunsichert. Das fragwürdige Hochgefühl des Diebes ist ebenso wie die Verärgerung des Bestohlenen das Ergebnis eines Vorgangs, der beiden auf symbolische Art ihre Grenzen zeigt. Somit besteht bei beiden die gleiche Problematik, nur mit unterschiedlicher Rollenverteilung.

Bei Streitigkeiten am Gartenzaun gibt es meistens einen "guten" und einen "bösen" Nachbarn. Während die Rolle des "Bösen" von Engstirnigkeit und Rechthaberei geprägt ist, wird der "Gute" offensichtlich dazu gezwungen, einen Rechtsstreit zu führen. Letzterem wäre womöglich jeder Kompromiss recht, Hauptsache ein Konflikt ließe sich vermeiden. Doch leider sind die Forderungen des "bösen" Nachbarn derart unverschämt, dass eine Auseinandersetzung unumgänglich zu sein scheint. So sieht sich der "gute" Nachbar genötigt, ebenfalls engstirnig und rechthaberisch zu werden - wenn er es nicht vielleicht schon immer war...

Da es wahrscheinlich wenig Sinn hat, an alle Taschendiebe zu appellieren, sich doch bitte um die eigenen wirtschaftlichen Fähigkeiten zu kümmern, und zwar ohne die Grenzen anderer zu verletzen, widmen wir uns wohl besser dem Bestohlenen. Dieser ist u.U. stärker motiviert, etwas zu verändern, schließlich soll ihm "so etwas nie wieder passieren!"
Ebenso sieht es bei unseren beiden Nachbarn aus. Während nahezu alle am Konflikt Beteiligten den "Bösen" beschwichtigen möchten (was ihn in der Richtigkeit seines Handelns bestätigt, bekommt er doch genau die Aufmerksamkeit, die er sich wünscht), kann sich der "Gute" zurücklehnen im Glauben, der moralisch Bessere zu sein. Hier ist es oft eine Frage der Zeit, wann schließlich die Schmerzgrenze erreicht ist und ein Umdenken in den Bereich des Möglichen rückt.

Was können unsere "Betroffenen" also unternehmen? Zunächst heißt es, die eigene unbewusst aktive Haltung zu akzeptieren. Eine Haltung, die andere geradezu einlädt, sich entsprechend (im Sinne eines Ausgleichs) zu verhalten. So wie der Wortkarge den Schwätzer anzieht, so übt der scheinbar Grenzenlose eine magische Anziehungskraft auf jemanden aus, der offensichtlich nicht nur die eigene, sondern auch die Grenze des anderen überschreitet. Diesen Grenzverletzer nun lediglich wieder in seine Schranken zu weisen, ohne die eigenen Grenzen auszuloten, kann genauso wenig zum (dauerhaften) Erfolg führen, wie dem Geschwätzigen das Wort zu verbieten, ohne selbst die Mauer des Schweigens zu durchbrechen.

Es gilt also, Aspekte der Selbstwahrnehmung und der Selbstdarstellung zu überprüfen und beide möglichst zur Deckung zu bringen, so dass man der Umwelt dieselben Grenzen signalisiert wie sich selbst.
Dabei ist es aber keineswegs von Vorteil, die Grenzen "lieber etwas zu weit" zu stecken, um sich eine Art Sicherheitszone zu gönnen. Denn je größer der Freiraum ist, den ich beanspruche, desto größer ist auch die Verantwortung, die ich habe, diesen auszufüllen: mit meinen Fähigkeiten, meinem Tun und meinem Sein.

Betrachten wir noch einen anderen "Fall", nämlich eine häufige Gegenreaktion auf allzu frustrierende oder verletzende Begegnungen.
Das Bedürfnis, sich zurückzuziehen ist etwas ganz Natürliches. Ist dieser Rückzug aber eine Flucht in eine Geborgenheit, die aus Mangel an Identität weder entwickelt noch sensibilisiert werden kann, entsteht eine Unbalance, die das Gegenteil der gewünschten Abgeschiedenheit zur Folge hat. Plötzlich bedrängen Personen den eigenen Freiraum durch Besuche, Telefonanrufe, Einladungen und andere "Übergriffe". Doch jede Verteidigung führt zu noch mehr innerer Unruhe, Verfolgungswahn und Ohnmacht... Vielen bleibt da nur ein einziger Ausweg: sie somatisieren, d.h. sie werden "aufgrund der Umstände" krank und ermöglichen sich so, den Spieß herumzudrehen und zu zeigen, dass sie existieren, eigene Bedürfnisse und (körperliche) Grenzen haben, die von der Umwelt wahrzunehmen und zu respektieren sind. Der Nachteil dieser Art von Durchsetzung: das "Aufladen der Batterien" dauert erheblich länger. Und bleiben nun (logischerweise) die Besuche und Telefonanrufe aus, gibt es erneut genug Gründe, sich unwohl zu fühlen.

Was ist also zu tun? Wie so oft ist die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit der beste Weg zur Veränderung. Schicken Sie Ihren inneren Grenzbeamten in den Ruhestand und überprüfen Sie, welche grenzüberschreitenden Abwehrmaßnahmen Sie in wiederkehrende Konflikte bringen: 
Opfern Sie Ihre Eigenständigkeit, indem Sie Konzepte anderer übernehmen? Wollen Sie das Entgegenkommen anderer durch Altruismus und Bemutterung erzwingen? Müssen Sie andere durch Besserwisserei und Egoismus erniedrigen, um sich "gut" zu fühlen? Sind Neid und Angst wirklich begründet oder nur ein Vorwand, um nicht eigenverantwortlich handeln zu müssen?

Die Fähigkeit, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, in einen realistischen Kontext zur Umwelt zu setzen und den Raum innerhalb dieser Grenzen zu nutzen, gilt es zu entwickeln. Dadurch kann ein gleichberechtigter Dialog zwischen mir und denen, die mich umgeben, stattfinden. Grenzen werden respektiert und nicht eingeklagt, Fähigkeiten gefördert und nicht gefordert, Gemeinsamkeiten können entwickelt bzw. entdeckt werden.

Toleranz und Einsicht sorgen schließlich dafür, dass sich der eigene Horizont erweitert. Und diesem Prozess sind keine Grenzen gesetzt. 

 

 

 

[ Startseite ] [ Inhalt ] [ Ihre Meinung ] [ Kontakt ]